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Alles war sofort wieder da: Bilder in Leinwandbreite. Pam und ich hatten uns bei einer Veranstaltung kennengelernt. Sie war mir sofort aufgefallen. Sie war mir größer als die anderen erschienen - und nahbarer. Und sie hatte einen Blick, der einen nicht mehr losließ.

Mir war zu dieser Zeit das Leben abhandengekommen. Nicht schmecken, nicht riechen, nicht fühlen. Alle Farben auf blasse Pastelltöne reduziert, Schleier von Grau über allem, Beton im Kopf, Watte im Ohr. Mein Körper lebte noch als schlaffe Hülle an mir dran, die nicht mehr unterscheiden konnte zwischen Hell und Dunkel, Kalt und Heiß, Schmerz und Taumel. Meine Freunde sprachen von Depression. Ich selbst war vom schrittweisen Absterben meines Gehirns überzeugt, Synapsentod auf Raten. Davon, dass ich es kaputt gespielt hatte.
Manche Tage füllte ich allein mit der Verwunderung darüber, was noch ging: Sprechen. Essen. Gehen. Schwierig war der Schlaf. Ich war damit beschäftigt, nicht aufzufallen. Als mir auch das nicht mehr sicher gelang, gab ich auf. Ich nahm Medikamente. Ich saß vor Tageslichtlampen.

Pam und ich standen in der Pause gemeinsam in der Kaffeeschlange. Wir tauschten Blicke, wir schoben den Zuckertopf hin und her.
Der letzte Vortrag des Tages stellte verschiedene Möglichkeiten zur Körperoptimierung und -erweiterung vor. Neben Facettenaugen und Gelenken mit endlosen Freiheitgraden gab es neue Tabletten, sogenannte Neuroenhancer: Erholsame Nächte mit nur drei Stunden Schlaf. Functional Food, das seinen Namen verdiente.

Pam verstand meine Aufregung sofort. Sie lud mich ein, sie zu besuchen. Es war, als ob mir jemand eine Flutlichtlampe in das Gesicht hielt. In Hitze geblendet stand ich da und wusste nicht, wohin zuerst loslaufen.



Jon.als.Jon.
Es war die gleiche Person, die er am Vortag von weitem gesehen hatte. Sofort fiel ihm wieder ihr Gang auf. Irgendetwas an ihr unterschied sich von den wenigen anderen Gestalten am Strand. Er hatte sie am Meeresrand beobachtet und eher nebenbei ihre Gestalt geprüft. Jetzt erkannte er eine sehr große Frau, die sich mit eiligen Bewegungen vorwärts trieb. Ihre Füße schienen dabei im Sand zu versinken.
Erst als sie bis auf etwa fünfzig Meter heran war erkannte er endlich die Ursache: Die Frau trug Prothesen. Sie hatte künstliche Beine, die aber nicht aussahen wie Beine. Im Gegenteil wirkten sie eher wie ein Gestell. Ihre hoch gerollte Hose endete knapp über dem Knie, darunter lugte ein gebogenes Stück Kunststoff hervor. Jon war vollkommen gebannt. Die Füße wirkten wie Maschinen unter einem lebendigen Körper. Aus der Nähe sah er wie sie sie souverän, fast mit Gelassenheit voreinander setzte als folge sie einem inneren Rhythmus. Dennoch wirkte ihr Weg durch den tiefen Sand angestrengt und mühsam. Sie war auf knapp zwanzig Meter heran, als ihre Blicke sich trafen. Jon wandte sich ab. Das "Ich sehe dass du siehst" war ihm sofort unangenehm.



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